§398
Einander durchkreuzende Lichtstrahlen.
  Wenn viele Strahlenpunkte Lichtstrahlen in einen und eben denselben Raum abschieszen, so durchkreuzen diese Strahlen einander, ohne sich zu verwirren, (§.395.) welches durch folgenden Versuch leicht bewiesen werden kann.
  Man setze den metallenen Spiegel, wovon wir bisher Gebrauch gemacht haben, so, dasz das Licht, welches er in der Röhre zurückwirft, darinnen zwey Gläser erleuchtet, um in dem Brennpunkte eines jeden einen Strahlenpunkt zu machen. Man lege auf jeden Brennpunkt ein Diaphragma (3), welches man mit einem gefärbten Glase bedecket. Wir wollen zu dem einen ein rothes, und zu dem andern ein blaues Glas nehmen. Wenn alles so eingerichtet ist, so bedecke man das eine von diesen Gläsern, wir wollen das blaue nehmen, mit einem undurchsichtigen Körper. Das Licht, welches alsdenn, nachdem es durch das rothe Glas gegangen ist, in das Zimmer dringet, nimmt diese Farbe an, und machet auf dem Rahmen einen rothen Zirkel. Wenn man diesem Lichte durch die Vorhaltung eines undurchsichtigen Körpers den Weg verschlieszet, und man das blaue Glas aufdeckt, so wird das Licht, welches durch selbiges dringet, auf dem Rahmen einen blauen Zirkel mahlen.
  Jetzt stelle man 2 bis 3 Fusz von diesen beyden Gläsern eine mit einem Loche von 5 bis 6 Linien durchbrochene Fläche, und über diese Fläche hinaus setze man den Rahmen, wovon man eben Gebrauch gemacht hat. Man lasse nach diesen das Licht durch die beyden gefärbten Gläser gehen, so wird man alsdenn auf dem Rahmen zweyn Zirkel, einen rothen und einen blauen sehen. Allein, wenn man es umgekehrt machet, das ist, wenn man das rothe Glas in die Röhre zur Rechten stecket, so wird der rothe Zirkel auf der linken Seite der Fläche erscheinen. Dieses beweiset nun deutlich, dasz die Lichtstrahlen, welche von zween Strahlenpunkten ausgehen, sich kreuzen, und sich nicht verwirren, wenn sie durch das Loch, welches man in die Fläche, die man ihnen entgegen setzet, gemacht hat, gehen.
  Dieser Versuch zeigt uns, auf welche Art die Strahlen, die von den Gegenständen, welche sich über uns befinden, ausgehen, in die Kugel des Auges kommen, sich darinnen kreuzen, ohne sich doch zu verwirren, und wie jeder in dem innersten des Auges das Bild eines jeden Theiles des Gegenstandes, den sie zurück wirft, deutlich mahlet. Allein wir werden nicht eher von dem Sehen reden, als bis wir in unseren Vorlesungen über die thierische Oekonomie von dem Auge und von seinem Baue handeln werden. Diejenigen, die begierig sind, sich von diesem Vermögen einen Begriff zu machen, können den fünften Band der physikalischen Vorlesungen des Abts Nollet, aus welchem ich die eben angezeigten Versuche, in Ansehung der eigentlichen Optik genommen habe, zu Rathe ziehen.


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