§401
Brechung der Lichtstrahlen.
  Wenn ein Lichtstrahl schief durch verschiedene Zwischenkörper gehet, so leidet er in seinem Durchgange eine Brechung, die in von der Perpendikularlinie (4) entfernt, oder selbiger nahe bringt. Er nähert sich der Perpendicularlinie (4), wenn er aus einem weniger anziehenden Zwischenkörper in einen andern geht, der es mehr ist. Wir wollen z.B. annehmen, dasz ein Lichtstrahl AB (Fig. 102.) aus der Luft in das Wasser nach der Richtung AB geht. Wenn dieser Lichtstrahl anfängt, die Oberfläche des Wassers in B zu berühren, so wird er die Richtung BC verlassen, und sich brechen, so, dasz er nach D gehen wird, indem er sich der Perpendicularlinie (4) EF nähert, weil das Wasser ein anziehenderer Zwischenkörper ist, als die Luft.
  Gründet sich diese Wirkung auf den Unterschied, den man zwischen der Dicke (5) der Luft und der Dicke (5) des Wassers bemerket? Viele Naturkündiger haben diesz wirklich geglaubt; allein sie haben sich geirret. Denn es würde daraus folgen, dasz die Grade der Brechung mit denen, welche man in den Dichtigkeiten (5) refringenter (6) Körper antrifft, in einem Verhältnisse seyn müssen. Nun hat Newton (24) (a) das Gegentheil bewiesen, und uns von den Resultaten der Versuche, die er in der Absicht gemacht hat, Tabellen geliefert. Man bemerkt auch, dasz ein Lichtstrahl keine Brechung leidet, ob er gleich schief durch das Baumöl in den Borar geht, deren Dichtigkeit sich gegeneinander wie 0,913 : 1,714 verhält. Man bemerkt überdiesz, dasz es zuweilen geschiehet, dasz ein Lichtstrahl eine Brechung leidet, die in der Perpendicularlinie (4) nähert, wenn er schief durch einen dichtern Zwischenkörper in einen weniger dichten gehet. Diesz geschiegt z.B. wenn er schief aus dem Wasser in Terpentinöl gehet, deren Dichtigkeit sich gegen einander, wie 1 : 0,874 verhält.
  Es erhellet aus diesen Beobachtungen, dasz man die Gesetze der Brechung nicht blos in dem Unterschiede, der sich in den Dichtigkeiten refringenter (6) Zwischenkörper befindet, suchen müsse, sondern dasz sie von einigen besondern Bedingungen abhängen, die sich sowohl auf die brechenden Körper, als auf den gebrochenen Strahl beziehen. Muschenbroek (23) (b) bringet diese Bedingungen auf dreye: 1.) Auf die Natur des brechenden Körpers. 2.) Auf die Beschaffenheit des fallenden Strahles. 3) Auf den Grad der Neigung dieses Strahles. Er zeigt unmittelbar darauf, dasz, auf was für eine Art auch die Brechung geschiehet, doch allezeit zwischen dem Sinus der Incidenz (7), und dem Sinus der Brechung, ein beständiges Verhältnisz (13) statt findet. 

(a) Optic. L. II. Prop. 10.
(b) Phys. §. 1727.


HOME: Anweisung zur Experimentalphysik (anno 1780)

Zum Inhaltsverzeichnis des virtuellen Museums der Augenoptik

Zur Geschichte der Brille

Home


Optiker Online

Tel. (+43) 0664 4320150
 email:webmaster@optiker.at
 
Copyright 1998 Harald Belyus