§419
Newtonisches Farbensystem.
Wir haben bisher das Licht als ein einfaches und
homogenes Wesen betrachtet. Jetzt wollen wir es so, wie es wirklich ist,
nämlich als zusammengesetzt, in Betrachtung ziehen, und dasjenige,
was aus seiner Zusammensetzung erfolgt untersuchen. Isaac Doszius hatte
ehemals behauptet, dasz die Farben, unter welchen die gefärbten Gegenstände
sich unsern Augen zeigen, in dem Lichte ihren Sitz hätten. Allein
niemand, wie ich weisz, hatte es vor dem Newton so weit gebracht, dasz
er das Licht aufgelöset, und gezeigt hätte, dasz die Strahlen,
woraus es besteht, die Eigenschaft haben, in uns die Empfindungen der verschiedenen
Farben, die wir bemerken zu erregen. Seit den Versuchen, die dieser grosze
Mann ausfindig gemacht, und die man seitdem so vielemal mit dem volkommensten
Erfolge wiederholet hat, beweiszt man, dasz jeder Lichtbüschel aus
sieben Hauptstrahlen bestehet, die sowohl in Ansehung ihrer Brechung, als
in Ansehung ihrer Zurückprallung von einander verschieden sind, und
dasz jeder von diesen Strahlen in uns die Empfindung einer verschiedenen
Farbe erregt.
Um diese Wahrheit zu beweisen, mache man an dem
Laden eines Fensters, das gegen Mittag liegt, eine Oeffnung von ungefähr
vier Linien im Durchmesser, und man fange durch diese Oeffnung einen Lichtbüschel
auf. Dieser Büschel wird inwendig in dem Zimmer, welches ich sehr
finster voraussetze, auf der Wand, oder auf einer weiszen Fläche,
die man gegen die Oeffnung übersetzet, wenn es die Lage des Fensters
nicht verstattet, dasz man sich des geraden Sonnenlichts bedienen kann,
einen weiszen Lichtzirkel mahlen. Man fange das Licht mit einem flachen
metallenen Spiegel auf, um es darauf in das Zimmer zu leiten, so wird man
eben diese Erscheinung bemerken.
Man lasse nach diesem den Lichtbüschel schief
auf einen von den Winkeln eines Prisma fallen. Dieser Büschel wird
sich brechen, sich entwickeln, und auf der gegenüber stehenden Fläche
eine an ihren beyden Enden geründete Erscheinung mahlen, die in ihrer
ganzen Länge zwischen zwo Parallel-Linien begriffen, und in ihrer
Breite in viele verschieden gefärbte Streifen abgetheilt seyn wird.
Wenn man die Farben von unten hinauf betrachtet, so werden sie in folgender
Ordnung erscheinen: roth, orangenfarb, gelb, grün, blau, indigo und
violet (a).
(a) Newton, Opt. Lib. 1. Part. 1.
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