Vorgetäuschte Entzündungen

        Es mag für eine Person von Interesse sein, eine gekünstelte Augenentzündung zu provozieren oder zu erhalten. („Ophthalmia artificialis“ (1), nach Mackenzie, Diseases of the eye, Hewson, p.588.) Manche reiben ihre Lider mit Ätzmitteln nachdem sie ihre Wimpern ausgerissen haben; andere gießen verschiedenste, mechanisch oder chemisch reizende Substanzen, in den Bindehautsack. Bei letzterem sollte vielleicht das Bichlorid und das rote Quecksilberoxid, Kupfersulphat, ätzender Kalk, Kantheridensalbe, Schnupftabak, Tabaksaft, Asche und letztendlich normales Salz erwähnt werden.
        Diese künstlichen Entzündungen der Lidränder sollten, wenn die Person unter strikter Aufsicht steht, ohne weiteres von einer spontanen Blepharitis ex-ulcerus (2), durch das Fehlen eines sich tiefer ausbreitenden, kleinen, trichterförmigen Ulcus (3) und durch das Nachwachsen der Wimpern, leicht zu diagnostizieren sein. Die Entzündung könnte am ehesten mit Diphtherie oder andernfalls mit einem akuten oder chronischem Bindehautkatarrh verwechselt werden.
Diphtherie kann im Falle erwachsener Personen nur durch eine Infektion oder aus zum Teil ungünstigen, externen Gründen auftauchen und wird durch fieberhafte Störungen begleitet; auf jeden Fall dauert der Verlauf der Krankheit etwa zwei bis drei Wochen, während der künstlich angeregte Prozeß gewöhnlicherweise länger zu dauern hat, nämlich bis er seinen Zweck erreicht hat. Wenn keine Verätzungen bewiesen werden können, kann eine vorsichtige Untersuchung des Conjuktivalsackes (4) über seine ganze Ausdehnung, und eine genauso gründliche Untersuchung der Sekrete, vielleicht zu einer Entdeckung eines Fremdkörpers führen. Die Begrenzung der Rötung und Schwellung auf einen kleinen Raum könnte auch aufzeigen, daß es sich nicht um einen chronischen Katarrh oder um eine blennorrhoeale Augenerkrankung (5) handelt; für den Fall, daß die Bindehaut über ihre gesamte Ausdehnung gleichmäßig angeschwollen und gerötet ist, könnte etwas Intensiveres am Oberlid nahe dem inneren oder äußeren Ende des Lidkorpels zu finden sein. Laut Mackenzie, wurden verdächtige Soldaten mit künstlichen Augenerkrankungen in der Nacht plötzlich aufgeweckt, ihre Kleidung komplett gewechselt und dann zu einem anderen Aufenthaltsort gebracht, dies alles unter permanenter Aufsicht. Daraufhin wurde bei einer Untersuchung der ersten Kleidung und des ersten Aufenthaltsortes oft das „corpora delicti“ gefunden.


HOME: Verletzungen des Auges und deren gerichtsmedizinischer Aspekt


Optiker Online

Tel. (+43) 0664 4320150
 email:webmaster@optiker.at
 
Copyright 1998 Harald Belyus