Vorgetäuschte Blindheit eines Auges

        Wenn behauptet wird, daß ein Auge total erblindet ist, obwohl seine funktionelle Unversehrtheit nichts erleidet hat oder nur insofern, daß es von einem binokularem Sehen (24) ausgeschlossen ist, wird grundsätzlich die Reaktion der Iris (25) aufzeigen, ob wir es mit einem Aufbauschen oder Simulieren zu tun haben. Das sehende Auge wird mit einem Tuch abgedeckt, damit wir sicher sein können, daß kein Licht eintreten kann. Danach soll das zu untersuchende Auge zum Himmel blicken und wir projizieren, ohne das er dies bemerkt, unvermutet einen Schatten, z.B. durch eine Hand, über sein Auge. (Vorausgesetzt er ist amauros (26)). Sollte die Iris (25), sobald der Schatten entfernt wird, eine eigenständige Tendenz zu einer Kontraktion der Pupille aufweisen und das Auge seine Position beibehalten, ist letztlich eine quantitative Lichtwahrnehmung vorhanden; dies kann noch genauer beurteilt werden durch die Schnelligkeit und Ausdehnungsgröße der Iris (25). Das Fehlen einer solchen Ausdehnungsbewegung rechtfertigt jedoch keine Entscheidung betreffend eines Verlustes aller qualitativer oder quantitativer Wahrnehmungen, es könnte z.B. auf eine Beschädigung in der Leitung der Ciliarnerven (27) hindeuten. (Iridoplegie (27)). Sollte letzteres ihre Ursache in einer Trägheit und Unempfindlichkeit der Iris zu finden sein, wird es auch nach freigeben des gesunden Auges, bei Änderungen der Beleuchtung wie beschrieben durch Abschatten, manifest sein. Sollte ein totaler oder teilweiser Verlust von Wahrnehmungen auf Teilen der Retina (20) des zu untersuchenden Auges die Ursache der verzögerten oder mangelnden Reaktion der Iris (25) sein, wird letzteres zumeist oder gänzlich auch im gesunden Auge fehlend sein, wenn das andere Auge abwechselnd beleuchtet und abgeschattet wird.
        Graefe hat uns, durch die Verwendung prismatischer Gläser (28), ein exzellentes Hilfsmittel zur Ermittlung einer simulierten, einseitigen Amaurose (26) gegeben. („A. f. O.“ II. a. 266.) Wird ein Prisma, mit einer Refraktion von 15-20 Grad (28), mit seiner Basis (29) nach oben oder unten, vor das gesunde Auge gehalten, während die zu untersuchende Person angewiesen wird seine Augen auf eine mehrere Fuß entfernte Kerzenflamme zu richten, und danach aussagt, daß er zwei Flammen, eine darüber und eine darunter sieht, so ist dies der positive Beweis, daß er die Flamme auch mit dem angeblich amaurosen (26) Auge sieht. Falls ein einzelner Befragter mit diesem Trick vertraut wäre, könnte dieser sagen er sehe nur ein Bild. Er wird trotzdem überführt werden. Wir halten das Prisma (28) nun mit der Basis (29) horizontal so, daß es abwechselnd die halbe oder ganze Pupille abdeckt. Sollte er bestreiten doppelt zu sehen, wenn die halbe Pupille vom Prisma (28) abgedeckt ist, brauchen wir nicht mehr länger zu zweifeln, daß er ein Betrüger ist.
        Welz („Klin. Monatsbl.“ 1867, p. 292) hat uns eine andere Verwendung prismatischer Gläser (28), zur Überführung einer simulierten einseitigen Ablyopie (21) oder Amaurose (26) gezeigt, welche beim Wissen um ein binokulare Sehen (24) anwendbar ist, aber auch darauf ausgerichtet ist die meisten geübten Simulanten zu demaskieren. Wenn wir, nachdem binokulares Sehen vermutet wird, vor das eine oder andere Auge ein Prisma mit 15-20 Grad (28) halten, seine Basis (29) innen oder außen zeigend, geht die momentan verursachte Diplopie (30) nach ein paar Sekunden wieder in ein Einfachsehen über, währenddessen eine unfreiwillige Veränderung der Sehachsen durch eine Augendrehung um ihre vertikale Achse stattfindet. Nehmen wir nun an, daß uns das linke Auge als amauros (26) präsentert wurde. Der Betreffende blickt auf ein Objekt, welches in seinem sichtbaren Bereich liegt. Wenn wir nun ein Prisma (28), nehmen wir eines mit 12 Grad, von unten an das rechte Auge heranführen so, daß wir ihn gut von oben beobachten können und der Untersuchte sagt er sieht doppelt, ist erwiesen, daß er auch mit dem linken Auge sieht. Sollte er aussagen einfach zu sehen, müssen wir das rechte Auge beobachten während wir das Prisma (28) hinunter bewegen und die Person angewiesen ist weiter auf das Objekt zu Blicken. Wenn sein rechtes Auge, im Moment wir das Prisma entfernen, eine Einwärtsbewegung macht, hat die Person unzweifelhaft ein binokulares Sehen (24). Beim Vorschieben des Prismas (28) mit seiner Basis (29) zu Nase zeigend, wird das Bild des Objekts von der macula lutea (31) nasal (32) verschoben. Die Diplopie (30), durch ihre unfreiwillige und unwiderstehliche Ursache entstanden, verschwindet durch die Drehung der macula lutea (31) zu nasalen Seite (32), mittels einer Zunahme der Kontraktion des musculus rectus lateralis (33). Damit bewegt sich natürlich das corneale (8) Zentrum zur temporalen Seite (34). Wenn nun das Prisma (28), unter weiterer Fixierung des Objektes, entfernt wird, verursacht selbige Diplopie (30), um einfaches Sehen entstehen zu lassen, die Entspannung der verstärkten Kontraktion des musculus rectus temporalis (33) und das Auge erlebt eine sichtbare Bewegung, bis das Bild des Objekts wieder auf die macula lutea (31) fällt. Die Bewegung des Auges, unmittelbar nach Entfernung des Prismas (28), beweist unwiderlegbar binokulares Sehen (24) während das Objekt angeblickt wurde.
        Kugel („A. f. O.“ XVI., a. 343) empfiehlt, für das Entdecken einer simulierten einseitigen Amblyopie (21) oder Amaurose (26), ein Vorhalten farbiger Gläser vor die Augen. „Um die Simulation zu entdecken, wird das dunkel gefärbte und durchsichtige Glas vor das angeblich blinde Auge gehalten. Das andere gleich gefärbte aber undurchsichtige Glas wird vor das als sehend ausgewiesene Auge plaziert.“ Dies macht man erst nachdem vorher vielfach mit zwei verschiedenen getönten aber durchsichtigen Gläsern gearbeitet wurde.


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