Geschichtlicher Ueberblick; Entwicklung der Brillenindustrie

  Das Auge ist das einzige unserer Sinnesorgane, welches eine weitgehende Verbesserung der Funktion zulässt. Doch erst verhältnismäßig spät, im Laufe der letzten Jahrhunderte bezw. Des letzten Jahrhunderts hat sich an Hand einer fortschreitenden Wissenschaft und Industrie die Ueberzeugung Bahn gebrochen, dass das Auge der Verbesserung mittels einer Brille in der Tat auch bedarf. In kurzen Umrissen diese Entwicklung zu schildern, soll der Zweck der folgenden Seiten sein.

  Zur Geschichte des Glases. – Weder Sage noch Ueberlieferung gibt uns sichere Anhaltspunkte für den Ursprung des Glases. Die bekannte und oft zitierte Erzählung des Plinius, wonach Phönizier anstatt eines Steines Soda als Unterlage für ihre Kochgeschirre benutzten, so dass sich am Ufer des Flusses Belus mit dem Sande Glas bildete, ist schon aus technischen Bedenken von der Hand zu weisen.

  Noch älter als die Kunst der Phönizier war die Glasbläserei bei den Aegyptern, welche wie Reliefs gewisser Königsgräber beweisen, bereits 1800 Jahre v. Chr. Geburt Hohlglas lieferten und überfangene Urnen kannten. Aber trotzdem die Industrie damals schon soweit vorgeschritten war, dass ganze Sarkophage und Bildsäulen aus Glas sowie uns heute noch fast modern anmutende Ziergläser angefertigt wurden, so war die herstellung des farblosen Glases schwierig und besonders geschätzt. Daraus erklärt sich z.B., dass es erst im 12. und 13. Jahrhundert Glasfenster in Europa gab, während allerdings etwas früher bunte Scheiben bekannt waren.

  Altertum. – Wie lange schon die Brille bei den asiatischen Völkern bekannt ist, darüber liegen keine zuverlässigen Nachrichten vor. Noch vor rund 100 Jahren trugen Chinesen und Mongolen besonders große runde Scheiben, deren Fassung mittels Schnüre und mit Gewichten, die um das Ohr liefen, in ihrer Lage gehalten wurden; zuweilen reichten die Schnüre auch nach oben an den Hut heran. Die Gläser wurden aus einem Kristall, Theestein genannt (Topas), angefertigt. Jedenfalls erheben die Chinesen auch auf die Erfindung der Brille Anspruch, wie auf so manches Schöne im Leben.

  Weder die Juden noch die Babylonier kannten die Wirkung des mit einer Krümmung geschliffenen Glases; die Linsen, wie sie sowohl in Babylonien wie auch in Pompeji in Gräbern aufgefunden wurden, sind sicherlich nichts anderes als Schmuckgegenstände oder bestenfalls Vergrößerungsgläser gewesen.

  Griechen und Römern war die sammelnde Wirkung von mit Wasser angefüllten Hohlkugeln ebenso wie die Vergrößerung mittels Lupen wohl bekannt; auch die Schwach- bezw. Kurzsichtigkeit war den Römern nicht entgangen. Brillengläser kannte jedoch damals Niemand. Die vielumstrittene Stelle des Plinius, wonach Kaiser Nero den Gladiatorenkämpfen durch einen Smaragd zugesehen habe, weil er kurzsichtig war – nach Lessing weil er weitsichtig war -, muss jedenfalls anders ausgelegt werden, obwohl anzunehmen ist, dass Kaiser Nero in der tat schwachsichtig war.

  Möge Nero den Smaragd als „augenstärkendes“ Mittel in der Art eines Schutzglases oder aus politischen Gründen, um seine Sympathien für die Partei der „Grünen“ zu bezeugen, benutz haben., jedenfalls stimme ich Bock bei, dass der Smaragd nicht als Korrektionsglas benutzt wurde; es wäre doch m. E. auch gar nicht zu erklären, wie sonst diese immerhin auffallende Neuerung mit Neros Tod (68 n. Christi Geburt) auf über ein Jahrtausend verschwunden wäre.


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