Mittelalter; Erfindung der Brille. – Aus dem frühen Mittelalter finden sich gelegentlich Lupen, nirgends aber Brillen erwähnt. Der erste, der die Wirkung der Linsen erkannte und auf sie hinweist (1276) ist der gelehrte Franziskanermönch und Feind der Scholastiker, Roger Bacon aus Oxford (1214 - 1294), der wohl selbst ein plan-konvexes Glas benutzte. Man weiß jedoch, dass zu derselben Zeit sowohl in Flandern wie in Deutschland die Brille nicht unbekannt geblieben war.

  Gewöhnlich wird die Erfindung der Brille zwei Italienern zugeschoben, dem Florentiner Salvino degli Armati (1285), dessen Grabschrift ihn als Erfinder bezeichnet, und dem Dominikanermönch Alessandro della Spina aus Pisa. Wenn wir nach alledem nicht in der Lage sind, einem bestimmten Mann für seine Wohltat ein Denkmal setzen zu dürfen – wer hätte es wohl eher verdient! – so können wir doch bezüglich des Zeitpunktes mit einiger Sicherheit behaupten, dass die Brille erst Ausgangs des 13. Jahrhunderts erfunden wurde.

  Früher galt vielfach der hl. Hieronymus (geb. 331 in Dalmatien) als Erfinder, weswegen er später als Schutzpatron ein gewisses Ansehen bei den Brillenschleifern genoß.

  Es muß uns eigentlich Wunder nehmen, daß es so langer Zeit, über ein Halbjahrtausend, bedurfte bis die Brille einigermaßen populär wurde; die Gründe, weswegen die Verbreitung der Brille so außerordentlich langsam vorwärts schritt, lagen nur zum Teil an den damaligen, gering entwickelten Verkehrsverhältnissen und der erst spät aufkommenden Industrie.

  Anfangs galt die Brille gar als Zauberwerkzeug. Auch später wurden Brillenträger noch so lächerlich gemacht, daß sie sich bebrillt nicht auf die Straße wagen durften; daraus erklärt es sich auch, daß von den zahlreichen Bildern der damaligen Zeit, auf denen Versammlungen und Volk zu sehen ist, kaum ein einziger Mensch eine Brille trägt. Doch gab es Karikaturen, Gelehrte und andere Einzelfiguren, selbst bis zum 15. Jahrhundert zurück, die zuweilen auch mit Brille abgebildet wurden. Uebrigens besteht in manchen Kreisen der Bevölkerung auch heutzutage noch dieses mittelalterliche Vorurteil, das sich direkt auf die damalige Anschauung von der komischen Wirkung der Brille zurückführen lässt. Allerdings ist es nicht zu leugnen, daß die damalige Form der Brille zur Karikatur förmlich einlud.

  Merkwürdigerweise widerrieten die Aerzte des Mittelalters überhaupt den Gebrauch der Brille; erst seit 100 Jahren gaben sie sich mit dem Verordnen der Gläser ab, was übrigens begreiflich wird, wenn man bedenkt, daß erst seit kaum einem halben Jahrhundert eine wissenschaftliche Untersuchung der Augen mittels des Augenspiegels (Helmholtz, 1851) möglich geworden ist.

  Einer großen Verbreitung ebenfalls hinderlich war der hohe Preis der Brille; nur reiche Leute und auch diese nicht überall – denn es gab wenig Orte wo Gläser geschliffen wurden – konnten sich den Luxus eines Glases erlauben. Vor 300 Jahren kam die Brille auf über 100 Mark, vor 60 Jahren kostete sie selbst in Berlin noch vier Thaler.

  Zu allen diesen Gründen kam noch die Erscheinung, daß erst mit der fortschreitenden Kultur das Bedürfnis und die Notwendigkeit , gut zu sehen, sich fühlbar machten (Lesen, Schreiben etc.).

  Brillengläser wurden nur an einigen wenigen Orten hergestellt, vornehmlich in Venedig, wo bereits früher die Glaskunst am weitesten fortgeschritten war, sodann in Nürnberg, Augsburg und Regensburg (schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts). Vertrieben wurden die Gläser zumeist durch Hausierer; bereits im 16. Jahrhundert gab es zwar auch Läden dafür in Deutschland.

  Die ersten Brillen waren nur Lesegläser in der Art gestielter Monocles; erst nach weiteren hundert Jahren kamen sie in verdoppelter Form oder mit einem plumpen Steg verbunden auf. Derartige Brillen sind im Germanischen Museum zu Nürnberg zu sehen. Die Gläser waren zumeist groß und rund; angefertigt wurden sie anfangs aus gewöhnlichem Glas, auch aus venetianischem Glas, später vielfach neben Crownglas auch aus Flintglas, seltener aus Bergkristall (Topas).

  Die Gesetze der Optik wurden erst spät von Maurolycus (von Messina gest. 1575) und danach von Kepler (1571 – 1630) in dessen Werk Dioptrice (1611) aufgestellt. Bisher hatte man nur die Alterssichtigkeit korrigiert; obwohl Kurzsichtigkeit damals ebenso wie heute verbreitet und die Tatsache ihres Bestehens bekannt war, so dachte man gar nicht daran, andere als Konvexlinsen zum Lesen zu verwenden; erst Mitte des 16. Jahrhunderts kamen auch Konkavgläser in Aufnahme.

  Ein Cylinderglas wurde zum ersten Mal von dem Optiker Mc Allister in Philadelphia geschliffen (1828), während allerdings ein Jahr zuvor der englische Astronom Airy den Astigmatismus am eigenen Auge auffand (nach anderen auch korrigierte und Sir David Brewster bereits im Jahre 1758 auf Astigmatismus hingewiesen hatte. Die Lehre von den Brillengläsern weiter ausgebaut hat besonders Donders.


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