Die neuzeitliche Brillenindustrie. – Betrachten wir zuerst die deutsche Industrie. In Preußen setzte die Fabrikation von Brillen mit dem Jahr 1772 ein, als Friedrich der Große sich einen Brillenschleifer aus der Stadt Nürnberg verschrieb, namens Hieronymus Meyer. Dieser eröffnete in Frankfurt a.O. eine Werkstätte und betrieb fünfzehn Jahre lang die Schleiferei als Monopol in Preußen; erst von da ab wurden auch ausländische Gläser zugelassen.
Rathenow. – Im Jahre 1801 erhielt der erstaunlich erfindungsreiche Feldprediger August Duncker die Konzession zum Betrieb einer optischen Industrieanstalt in Rathenow (Reg.-Bezirk Potsdam, 70km westlich von Berlin, das damals 4000 Einwohner aufwies, hat z. Zt. eine Bevölkerung von ca. 24000), in welcher invalide Soldaten und Militär-Waisenkinder Beschäftigung finden sollten. Aus diesem kleinen Anfang (es waren 5-8 Arbeiter) entwickelte sich im Laufe eines Jahrhunderts die größte Brillenindustriestadt Deutschlands oder wohl ganz Europas.
Die älteste Fabrik in Rathenow ist die soeben erwähnte, die nur den Namen „Rathenower Optische Industrie-Anstalt vorm. Emil Busch“ (seit 1872 eine Aktiengesellschaft) führt. Sie beschäftigt z. Zt. an die 400 Arbeiter; neben dem Schleifen von Brillengläsern legt sie ein Hauptgewicht auf die Herstellung von Perspektiven, Objektiven, u. ähnl. Ueber die Entwicklung dieser Fabrik findet sich alles Nähere in der vor einigen Jahren erschienenen und schön illustrierten Jubiläumsschrift.
Die größte und seit einigen Jahren modernisierte, vielfach nach amerikanischem Vorbild eingerichtet Fabrik ist die Altstädtische optische Industrie-Anstalt von Nitsche und Günther, die alleine im Rathenower Werk an die 750 Arbeiter beschäftigt; in Berlin und London bestehen Zweiggeschäfte. Die Tagesproduktion dieser einen Fabrik beträgt an Fassungen alleine ca. 6000 Stück, an Gläsern 10000. Als Nebenzweig werden dort besonders Beleuchtungskörper für Schiffe, Küsten, Leuchttürme ect. hergestellt.
Ausser diesen beiden grossen Anstalten gibt es in Rathenow eine grosse Zahl kleinerer Betriebe, die von 5 bis 50 Leute beschäftigen und meist irgend eine Spezialität kultivieren; eine der größeren Anstalten ist Lucke und André, deren Fabrik ich ebenfalls besichtigte, von anderem erwähne ich noch Müller und Muhsold, Schulz und Bartels u. a.
Von den 2000 Arbeitern, die die Brillenindustrie in Rathenow direkt beschäftigt, gibt sich kaum der fünfte Teil mit Glasschleifen ab; ein anderes Fünftel arbeitet in Nickel, Stahl und Schildpatt, 400 sind Goldarbeiter, der Rest fertigt Perspektive, Etuis u. a. an.
Die Ausfuhr an optischen waren aus Rathenow für das Jahr 1903 betrug 7 Millionen Mark, an Stückzahl ca. 2 ½ Millionen Brillen- und Klemmerfassungen und ca. 6 ½ Millionen Gläser. Verarbeitet wurden 190000 kg „optisches“ (Crown-) Glas, 16000 kg Nickel, 2000 kg Stahl, 1400 kg Doublé, 300 kg Gold, 50 kg Silber.
Im übrigen Deutschland werden ebenfalls in einigen Städten Süddeutschlands Brillengläser geschliffen, doch handelt es sich zumeist um optisch minderwertige Ware. Fassungen werden auch in Fürth, Pforzheim, Schwäbisch-Gmünd, Frankfurt und auch in Breslau angefertigt.
Ausland. – Was die Produktion in einigen Ländern des übrigen Europa anbelangt, so wird in Morez (franz. Schweiz) billige Ware (Brillengläser) hergestellt; in Paris und Umgebung wird sowohl in Gläsern wie in Fassungen viel gearbeitet, in London bestehen hauptsächlich für Fassungen größere Fabriken.
Weitaus die größte Fabrik der Welt befindet sich in den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika (Southbridge, Mass.), die American Optical Co., welche fast 2000 Arbeiter beschäftigt. In Rochester (New-York) beschäftigen Bausch & Lomb ca. 1300 Arbeiter, stellen aber fast nur Perspektive her. Durch Kalibrierung der Gläser und Fassungen und größere Einheitlichkeit ist Massenfabrikation, das Geheimnis so manchen Fortschrittes in Amerika, dort leichter geworden. Die übrigen Grossisten und die vielen kleinen Betriebe richten sich fast ausschließlich nur nach diesen beiden.
Mit Ausnahme einiger Spezialitäten (u. a. torische Gläser, deren Herstellung in Amerika noch patentiert ist) beziehen die Amerikaner so gut wie nichts aus Rathenow, da der Einfuhrzoll (40-60pCt. Der Werthes) zu hoch ist. Trotzdem werden Brillen entsprechend den Lohn- und Lebensverhältnissen wesentlich teurer drüben verkauft. Die amerikanische Brillenindustrie ist z. Zt. leider, wie allgemein anerkannt wird, entwickelter und leistungsfähiger als die europäische, hauptsächlich weil sie aus den angegebenen Gründen im Großen arbeitet.
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