Gut strukturiert aufgebaut ermöglicht das im Jahr 1904 veröffentlichte Büchlein „Theorie und Praxis der Augengläser“ einen guten Einblick über die Anfertigung von Sehhilfen um 1900. Viele Fertigungsprozesse wie das Vorschleifen der Linsen wurde noch händisch durchgeführt. Einer Maschine traute man diese diffizile Arbeit nicht zu. Trotzdem schritt die Industrialisierung in der Augenoptik unaufhörlich voran. Beim Lesen in Dr. Oppenheimers antiquarischer Publikation wird einem der damalige, horrende Aufwand für die Anfertigung einer Brille verdeutlicht.
Im historischen Teil finden sich einige Vermutungen, die aus heutiger Sicht falsch waren. Das Büchlein trägt in einigen Passagen sogar die Handschrift eines berufspolitisch agierenden Augenarztes. So warnte Oppenheimer seine Kollegen vor dem „selbstständigen Ordinieren“ der Optiker. Es würden laut Oppenheimer die Optiker nur schwer in der Lage sein die Kunst Krankheiten zu erkennen zu lernen. Oppenheimer ging vor über 100 Jahren offensichtlich noch davon aus, dass Brillenträger in der Regel krank wären und deshalb zwingend vor dem Brillenkauf zum extra honorierenden Arzt gehen müssten. Die Geschichte hat Gott sei Dank gezeigt, dass Brillenträger nicht mehr Krankheiten entwickeln als Nichtbrillenträger. Im Nachbarland Deutschland verordnen aktuell cirka 70 Prozent der Brillen die Augenoptiker und die restlichen 30 Prozent der Brillen die Augenärzte. Die Brillenträger entwickeln in beiden Gruppen gleich viel oder wenig Augenkrankheiten.
Allesamt in Gräbern der Juden, Babylonier, Griechen und Römer gefundenen Glaslinsen dienten aus heutiger Erkenntnis zur Zierde von Schwertern, Kelchen und Kleidungsstücken. Keineswegs wurde – wie auch in anderen Publikationen geäußert - deren vergrößernde Wirkung genutzt. Dies wird unter anderem dadurch untermauert, dass diese frühen Linsen mittig Löcher aufwiesen um sie gut an Gürteln oder Schwertern befestigen zu können. Die frühesten gefundenen Glaslinsen, die eine vergrößernde Wirkung aufwiesen und wahrscheinlich auch dafür verwendet wurden, stammten aus Wikingergräbern in Visby / Schwedisch Gotland. In den Gräbern der Wikinger aus dem 10. Jahrhundert fanden sich diese gläsernen Beutestücke. Die Wikinger waren mit ziemlicher Sicherheit nicht die Erbauer dieser Vergrößerungslinsen. Eine These vermutet, dass die Linsen aus dem arabischen Raum stammen könnten. Jedenfalls irrte Oppenheimer in der Annahme, dass Babylonier oder Einwohner von Pompeji Vergrößerungsgläser benutzt hätten.
Sowohl der Anspruch der Deutschen als auch der Chinesen auf die Erfindung der Brille zeigt die Größe dieser schöpferischen Leistung. Der Autor dieses Kommentars vermutet die Erfindung von Lesesteinen um das 10. Jahrhundert im arabischen Raum. Die theoretischen Überlegungen wurden zu dieser Zeit ja bereits vom genialen Gelehrten Ibn al-Haitham geliefert. Um 1240 übersetzte Erazm Golek Vitello (1220-1280) Ibn al-Haitham's „Kitab-al-Manazir“ ins Lateinische und brachte wohl handwerklich begabte Mönche auf die Idee eine überhalbkugelige Plankonvexlinse – den Lesestein anzufertigen.
Der aus Oxford stammende Franziskanermönch Roger Bacon (1214-1294) beschrieb 1267 in seinem „Opus majus“ den Lesestein, suchte nach einer wissenschaftlichen Erklärung und führte optische Verbesserung desselben durch. Ein halbes Jahrhundert später (1352) taucht die erste Brillen mit zwei Augengläsern auf einem Fresko in Treviso auf.
Ein häufiger Irrtum in der Geschichte der Brille ist der Hinweis auf den Grabstein vom Florentiner Salvino degli Armati (1285). Er enthält ein Lob auf dessen Erfindung der Brille. Diese Inschrift hat sich in den Jahrzehnten nach Oppenheimers Schrift als Fälschung erwiesen. Die Florientiner wollten mit dem Trick ganz einfach Ruhm beanspruchen, der ihnen nicht gebührte.
Die Erfindung der Brille – mit zwei Augenringen – dürfte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im 13. Jahrhundert aus dem Raum Norditalien stammen. Die Annahme wie aus Alexander von Humboldt's Kosmos zitiert, dass ebenfalls im 13. Jahrhundert auch in Deutschland Brillen entstanden wären ist nach heutigem Wissen nicht mehr haltbar.
Oppenheimers Büchlein gibt gute Einblicke in die Brillenfertigung vor 100 Jahren. Er beschreibt vornehmlich Fabriken in Rathenow, der Wiege der Augenoptik. Um 1900 wurden die meisten Linsen bereits nach Dioptrienwerten geschliffen. Trotzdem gab es in Rathenow auch noch eine Fertigung von Linsen nach Rheinländischen Zoll. Da aber der Zoll in fast jedem Land der Welt eine andere Länge besaß, entstanden bei den üblichen Umrechnungen oder bei ungenauen Bestellungen merkliche Irrtümer. Das Durchsetzen der Angabe nach Dioptrien schuf um 1900 – zumindest in Europa - eine Normierung.
Trotz all der Industrialisierung waren viele Brillengläser zur Jahrhundertwende noch geblasene Muschelgläser. Diese minderwertige Form war deutlich billiger als komplett geschliffene Brillengläser. Die Träger dieser billigeren Gläser mussten eben Bläschen und Schlieren akzeptieren.
Auch gab es einen Qualitätsunterschied betreffend des Glasdurchmessers und der Zentrierung. Sogenannte kalibrierte Gläser hatten einen fix vorgegebenen Glasdurchmesser und entsprachen der ersten Qualität. Diese Gläser durften keine Einschlüsse, Schlieren oder andere Inhomogenitäten aufweisen. Zudem war auf diesen Qualitätsgläser der optische Mittelpunkt angezeichnet, was eine genaue Zentrierung durch den Augenoptiker in der Fassung ermöglichte.
Um 1900 waren Mehrstärkengläser noch nicht oft im Alltag sichtbar. Die Argumentation Oppenheimer's beweist, dass Deutsche eben die gemütlicheren Menschen waren!
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